Das war ein Wahnsinns-Himmel heute!

Man könnte glatt gläubig werden! War unter der Burg spazieren, und dann zog diese gewaltige Wolkenfront vom Schwarzwald herüber und schob ihren Schatten in einem Riesenspektakel übers Land. Wenn es Eintritt kosten würde, ich glaube die Menschen würden Alles geben es zu sehen!

Manchmal frag ich mich, warum es mich nicht in den Süden zieht, auf die klassischen Urlaubsinseln, in die Abenteuerlandschaften der allgemein anerkannten Traumländer. Warum es mir genügt hier am Fuße der Alb
und auf der Albhochfläche stundenlang spazieren zu gehen, mit einem Notizbüchlein, einem Foto und einer guten Musik auf den Ohren. Während manche es hier kaum aushalten sobald drei zusammenhängende freie Tage anstehen,  genieße ich es unendlich diese Zeit zu haben und nicht auf Straßen oder Flüghäfen hektische Stunden verbringen zu müssen. Natürlich bilde ich mir als Ethiklehrer auch ein, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten, wenn ich mich so verhalte. Aber das wird wohl nicht der Hauptgrund sein für meine Enthaltsamkeit.
Und sicherlich auch nicht die Tatsache, dass ich mir angesichts meiner komplizierten persönlichen Verhältnisse Weltreisen ohnehin nicht leisten könnte.

Nein, ich denke, dass es was anderes ist. Zum einen hab ich als junger Mann doch einen Teil der Welt bereist, tagelang Wälder und schier unendliche Landschaften durchfahren, Megastädte besucht, den Gegensatz von Reichtum und Armut kennen gelernt. Und ein Lieblingsland hätte ich mit Italien auch- Sardinien hab ich x Mal besucht, und ich kann sagen, dass ich es liebe und doch ein klein wenig vermisse. Würde ich nun wieder reisen, wieder neue Riesenstädte und noch wüstere Wüsten kennen lernen, den Gegensatz zwischen meinem Reichtum und deren Armut feststellen – die Dinge könnten sich im Grunde nur wiederholen. Sicherlich, es wären neue Erfahrungen, Anregungen, neue Sprachen und Menschen. Ich könnte so meine freien Tage verbringen. Aber eigentlich würde sich nur alles wiederholen.

Was ich seit einiger Zeit unternehme ist vielmehr eine Reise in mein eigenes Inneres. Ich versuche zu verstehen wer ich bin, ziehe durchaus eine Lebensbilanz – aus gegebenem Anlass übrigens, ein gerader Geburtstag steht mal wieder ins Haus, demnächst werde ich fifty overnight, was mich nicht weiter berührt, eigentlich – und ich frage mich, was ich die nächsten Jahre, die verbleibenden, denn es werden nicht mehr mehr – was ich da für ein Leben leben will, und was ich nicht mehr möchte. Ich schaue mich an und frage mich, welche Eigenschaften mir an mir gefallen, und welche ich mir und anderen lieber nicht mehr zumuten will.

Und ich stelle fest, dass ich kaum zu verstehen bin. Von mir selbst nicht, und von anderen wohl noch viel weniger. Das macht neugierig. Wer bin ich? Wer bin ich für die anderen? Viel komplizierter wird die Angelegenheit, wenn man versucht zu verstehen warum man so ist wie man ist. Aber ich denke es ist nicht vermessen, wenn man, statt die äußere Welt zu erkunden, sich einmal ausführlich auf sich selbst einlässt.
Die Tiefen und Untiefen des eigenen Selbst erkundet. Natürlich ist es diffus dort drinnen, und oft kommt man nicht weit. Ein erster Schritt war es für mich zu verstehen, dass die Seele des Menschen in der Tat ein unendlich tiefer Ozean ist. Aber in ihm ist alles was uns ausmacht. Unsere gesamte Geschichte, die Geschichte unserer Eltern und deren Eltern, alle unsere Erfahrungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Die Seele ist für mich eine unerschöpfliche Informationsquelle über mich selbst.

Natürlich macht es Mühe an diese Information ranzukommen und sie zu entschlüsseln.  Ach, ich will gar nicht so tun, als sei ich dafür besonders talentiert, als hätte ich irgendwas wirklich verstanden. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und schaue mir dieses Gesicht an, und ich frage mich ernsthaft ob ich irgendeine Ahnung habe wer das ist. Wer ist dieser Mensch? Was verletzt ihn? Was mag er? Wie würde dieser Mensch aussehen, wäre er an der brasilianischen Atlantikküste statt in Langenau im nebligen Donauried aufgewachsen? Und viele Fragen mehr. Auch sonst: den Blick auf sich selbst wagen, sich selbst beobachten, und ganz bewusst heraustreten aus den eingeschliffenen Bahnen. Ich weiß, das ist leicht gesagt. Wie sagen die Lebensratgeber: „Du kannst dein Leben jeden Tag völlig neu beginnen – du musst es nur wollen.“ Das stimmt eben leider so nicht, denn diese simplen Aufforderungen verkennen die Tiefe des Menschen und die Bedingtheit seines Vorlebens und seiner genetischen Ausstattung.

Wieder einmal habe ich ein Glas Rotwein vor mir stehen. Es hilft ein wenig, bringt mich in Fluss. Ich bin übrigens kein Trinker. In meiner Familie gibt es keine Trinkergene, und ich genieße Alkohol regelmäßig in Maßen, nicht in Massen. Hab das im Griff, denke ich.

Also, ich will das eigentlich kurz halten heute, neulich meinte einer, die vorletzten News seien ziemlich reichlich und reichlich konfus gewesen. Nun denn, ich mach es kurz. Es ist faszinierend, zu spüren, dass man aus vielen Selbsten besteht, dass man ein hochkomplexes Wesen ist, klug und verletzlich, irgendwie programmiert und doch frei in der Suche nach Lebensglück. Wisst Ihr was ich meine? Warum spricht man darüber eigentlich fast nie? Warum sind es die Börsenkurse, der letzte Urlaub, oder die Bundesliga vom Samstag? Well, wahrscheinlich doch überschaubarer diese Themen… Jedenfalls hat der Mensch von den scheinbar unzähligen Möglichkeiten, die man immer hatte und noch hat, immer nur ganz wenige gewählt. Warum eigentlich? Warum sind wir so festgelegt? Ist es, weil wir alle auf den mittleren Massengeschmack konditioniert  und ungewöhnliche Wege sogar verpönt sind? Weil Fanatsie und Erfindungsgabe fast ersticken in der Zweckrationalität des Alltags? Ja, sich freizumachen davon, teilweise jedenfalls, darin könnte ein Sinn des Lebens bestehen.

Leute, ich brech an dieser Stelle den Versuch ab irgendwas erklären zu wollen. Ihr seht, ich trage den selbst verliehenen Titel „Soulwriter“ mal wieder völlig zu unrecht. Seid gnädig mit Eurem Paulson! Ihr sollt ja auch vor allem meine Lieder mögen. Und bald gibt es 15 neue, nur noch eine gute Woche!

Noch eins: Ist es nicht eine völlige Überforderung für uns Menschlein zugleich Kosmos und völlig unbedeutend zu sein? Ist es da ein Wunder, dass wir uns in der Regel auf Überschaubares und materielles konzentrieren? Die meisten Menschen stellen sich die vier philosophischen Grundfragen von Immanuel Kant schon deshalb nicht, weil sie völlig unbeantwortbar sind. Und dennoch steckt in ihnen fast alles, was das Leben so faszinierend macht: Der Mensch, das Gute, der innere und der äußere Kosmos.

Was ist der Mensch?
Was soll ich tun?
Was kann ich wissen?
Was darf ich hoffen?

Ich hab vor ein paar Wochen einen sehr schlichten Song geschrieben, wo ich diese vier Fragen einfach mal so in den Raum stelle. Hier ist der Text. Wenn Ihr in eines der Konzerte kommt, dann werdet Ihr ihn  hören können, gesungen von Jasmin Roth.

Gebt gut auf Euch acht!

Euer Paulson  (21/01/08)

This entry was posted on Montag, Januar 21st, 2008 at 19:33 and is filed under 2008. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.