Ist es nicht seltsam…


…wie wir manchmal Einstellungen, Angewohnheiten und Meinungen übernehmen von anderen Menschen… von solchen, die uns irgendwie wichtig sind zumeist…und sie uns dann zueigen machen und denken es seien die unseren…und sogar denken sie seien unserem Verstand entsprungen? Ich habe einen guten Bekannten, wenn man nicht allzu anspruchsvoll ist könnte ich sagen, es sei ein Freund. Ich weiß, dass er mich und meine Musik mag, mich fast durchweg wohlwollend sieht. Nur an einem Punkt blitzt in regelmäßigen Abständen Kritik auf. Ich unterstelle ihm, dass es gar nicht seine eigene Kritik ist, denn ich weiß zufällig, dass vor einigen Jahren ein anderer Mensch, der ihm wichtig ist, diese kritischen Worte über mich ausgesprochen hat. Die müssen ihn damals beeindruckt haben, und weil er uns beide mag,  ist da wohl etwas hängen geblieben, und immer dann, wenn sich dieses Verhalten meinerseits wiederholt, kommt wie ein Automatismus diese Kritik, von der ich glaube, dass es im Grunde gar nicht seine ist.

War das jetzt zu kompliziert? Well…

In der Tat wundere ich mich oft darüber, dass die meisten Menschen denken, unabhängig zu handeln. Die Autonomie des Geistes und des Verstandes ist ja auch nach langen Zeiten des Aberglaubens und der Knechtschaft durchaus eine Errungenschaft. Ich glaube jedoch, dass wir Menschen viel komplizierter sind, dass wir mitnichten frei sind in unserem Handeln und Denken. Zu viele Menschen und Systeme haben uns beeinflusst, manipulieren uns sozusagen in jedem Moment: Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer, Schwaben, Deutschland, Kapitalismus, Leistungsgesellschaft, Frieden, Wohlstand, Materialismus. Und schließlich manipulieren wir uns dann selbst, eben als das Produkt, das wir durch all diese Einflüsse geworden sind.

Neben dieser uns maßgeblich formenden äußeren Welt gibt es ja noch unsere innere: die Natur des Menschen. Und natürlich unsere Gefühle, all das was wir außer dem Stofflichen noch sind. Und natürlich sind wir nicht in erster Linie stofflich und rational. Denkt nur an all das Lachen, Weinen, Singen, Schreien, Beten. Wer könnte sie erklären? Meist verstehen wir uns ja, wenn wir ehrlich mit uns sind, selbst nicht einmal. Wir nehmen uns so wie wir sind, und am besten können wir das, wenn wir alleine sind, oder mit den Menschen, die wir mögen oder lieben. Außerhalb dieser Systeme verbergen wir zumeist unsere Unsicherheit über unsere wahre Natur – ja, wenn man so will: unsere Menschlichkeit.

Indem ich dies schreibe offenbare ich ein klein wenig davon. Im Grunde würde ich da noch mehr öffnen wollen, doch es bleibt  eine erhebliche Scheu, dies hier öffentlich zu tun.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich Menschen überfordere, wenn ich über den Tellerrand des Sichtbaren, des Materiellen, des Äußerlichen, hinausschauen möchte, wenn ich sie und mich konfrontiere mit dem inneren Wesen des Menschen. Wenn ich darauf aufmerksam machte, dass eine Entwicklung wohl tiefere Ursachen hat als die mit den Augen und dem Verstand wahrnehmbaren. Das ging mir so im Beruf, aber auch mit Freunden und Bekannten, die manchmal nicht umgehen konnten mit dieser Form von Nähe, die sie negativ auf sich bezogen.

Es hat mir beispielsweise oft Sorgen bereitet, wenn Menschen viel Energie für etwas aufbringen und doch bei Äußerlichkeiten stehen bleiben. Wenn sie perfekt sind mit Zahlen, im Organisieren von Dingen, aber nahezu blind wenn es zum Beispiel darum geht zu erkennen, dass die eigenen Überzeugungen für andere nicht taugen, ja, dass diese womöglich leiden oder scheitern in den von ihnen so perfekt aber seelenlos geführten Systemen. Oder wenn ein angelernter freundlicher Umgangston mit Gesprächskultur verwechselt wird, wenn die Ausstattung von Gebäuden und Räumen keine Rücksicht nimmt auf die Bedürnisse der Menschen. Wenn gar nicht gesehen wird, dass den Menschen das Wahrgenommenwerden viel wichtiger ist als der perfekte äußere Rahmen. Wenn fast jedes Gespräch zur Selbstdarstellung wird, zur Machtdemonstration, zur Klage. Nur ein paar Beispiele.

Wir sind ja inzwischen eine Gesellschaft von getriebenen Perfektionisten geworden. Es zählt fast nur noch der Marktwert unserer mit Geld zu bemessenden Leistung. Und jedes Jahr finden die Millionen von Hebelumleger in unserem Deutschland Rädchen, an denen sie noch ein wenig drehen können. Sie können oder wollen nicht erkennen, dass es massenweise Menschen gibt, die da nicht mitwollen oder nicht mitkönnen. Weil sie langsam sind, oder sorgfältig, oder kreativ, oder weniger getrieben, oder weil sie merken, dass sie das Tempo unzufrieden oder krank macht. Natürlich verdanken wir den gesunden Machern in unserem Land unseren Wohlstand. Aber auch hier sehen wir nur wieder den materiellen Wohlstand. Die Langsamkeit, das entspannte und entschleunigte Leben ist inzwischen nur noch ein Privileg der ganz Reichen oder der Armen. Fast alle anderen hetzen von Auftrag zu Auftrag, und im Urlaub hetzen sie sogar noch zum Flieger. Horrorszenario: Stau auf der Autobahn, Angst den Flieger zu verpassen. Mensch, wie leben wir eigentlich?

Ich hab an Pfingsten einige herrliche Tage am See verbracht, direkt am Wasser, unter Weiden, mit Blick auf die Berge, auf die Wolken, auf die langsam dahingleitenden Schiffelein. Gelesen, geschlafen, nachgedacht. Abends gut gegessen. Viel mehr braucht ein glücklicher Mensch nicht.

Glücklicherweise gibt es ja im Leben Begegnungen, die uns faszinieren und auch prägen – siehe oben. Eine davon gab es für mich im September 1997. Ich spielte bei einem Songwriter-Abend in meiner Heimatstadt Langenau, und nach mir folgten noch zwei US-Amerikaner. Der letzte des Abends war ein gewisser Eric Taylor. Es dauerte etwa sieben Sekunden bis ich an ihn verloren war. Eine solche Präsenz, eine solche Ausstrahlung. Gänsehaut und knisternde Spannung im Publikum. Ich hatte ihn zuvor Backstage erlebt und wusste, dass er sich bereits mit reichlich Whisky (was er „apple juice“ nannte) für seine Performance bereit gemacht hatte. Vom ersten Akkord an hatte ich das Gefühl, dass da einer stand, der sein Leben erzählte, schwer und echt. Für alle zwar, aber irgendwie sehr introvertiert und abweisend. Meine Gänsehaut kam aber nicht nur von der kehligen Stimme und den traurigen Akkorden seiner auf Offen F gestimmten Gitarre. Es war einfach die ganze Persönlichkeit, die mich damals in ihren Bann zog. Selbst sein Lächeln war schwermütig, und den ganzen faszinierenden Abend lang hatte man das Gefühl, dass er bei der kleinsten Unstimmigkeit durchaus würde in die Luft gehen können. Und irgendwie hatte man beim Zuhören fast ein schlechtes Gewissen. Da war einer, der litt, einer, der in verschlüsselten Worten sein Leben präsentierte.  Was nur, fragte ich mich, hatte dieser Mann wohl bloß alles durchgemacht?

Eric Taylor stammt ursprünglich aus Georgia, wurde 1950 in Atlanta geboren, gehört aber seit den 70ern der Songwriter-Szene in Houston/Texas an. Er war Weggefährte von so bekannten Leuten wie Townes Van Zandt, Steve Earle, Gay Clark. Eric hatte starken Einfluss auf Lyle Lovett. Verheiratet war er mit Nancy Griffith, die ihr mit ihm im ersten Clip seht. Sie ist eine recht bekannte Grammy-geschmückte texanische Folk- und Countrysängerin. Diese Songschreiber aus Houston, von denen die meisten ohne Major Label agieren, zeichnen sich durch Rauhheit und einen rebellischen Geist aus. Vor allem in Zeiten von George Troubleyou Bush hatten sie jede Menge Angriffsfläche.

Schaut Euch doch bitte die folgenden beiden Clips an. Der erste wohl aus der zweiten Hälfte der 1980er, der zweite zeigt Eric stark verändert bei einem Konzert in Irland  im September 2009.

http://www.youtube.com/watch?v=VeTUcLaC-xE&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=4yCJGxzs8VA&feature=related

Hier noch zwei schöne Songs in Studioqualität, beide mit dem tragisch-traurigen „Eric Taylor-Feel“.

http://www.youtube.com/watch?v=syyRYfHdwe8

http://www.youtube.com/watch?v=wSWBPr0NDXA&feature=related


Viel Spaß beim Anhören.

Bis bald,

Euer Paulson

This entry was posted on Samstag, Juni 19th, 2010 at 19:37 and is filed under 2010. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.