jahreskreis



fort ist der sommer
und mit den nebeln
kommt der herbst
bevor der winter
die erde überzieht
und etwas später

dem frühlingzauber
die bühne überlässt
wir drehen uns
im jahreskreis
ein leben lang
und freuen uns
dabei zu sein


Nun ist dieser Sommer auch schon wieder Geschichte und weiter geht es im ewigen circle game, im carousel of time – wie Joni Mitchell einmal schrieb – in  welchem wir eine kleine Weile mitfahren dürfen. Kennt Ihr den schönen Song?

Auch in diesem Jahr reiste ich wieder die Flüsse entlang, landete wieder auf meiner Insel im Meer, wo ich Ruhe suche und Zaubermomente. Ich kann sagen, dass ich sie fand, ich kann sagen dass es wieder schön war. Das Meer ist noch immer ein mystischer Ort, der mich inspiriert, gleichermaßen beruhigt und beunruhigt und mich daran erinnert, was ich eigentlich bin.

Ja, es gibt sie noch, die Rückzugsorte, wo wir ganz zur Ruhe kommen und bei uns selbst sein können. Allerdings, und dies ABER nimmt jedes Jahr an Größe zu, es wird immer schwieriger, dem Rummel unserer Zivilisation zu entkommen. Einerseits brauchen wir sie, schätzen sie, die Möglichkeiten der Produkte, der Technik, der Mobilität – aber andererseits werden sie uns immer mehr zur Last. So musste ich dieses Jahr wieder  etwas intensiver suchen, einen langen Küstenstreifen von Kraftwerken und Industrieparks umfahren, ich musste mehr große Schiffe ertragen und von oben kamen im 10-Minutentakt die Kleinflugzeuge der gehetzten Großverdiener auf die Insel. Und ganz oben in der Stratosphäre zogen die Düsenjets der jährlich 5 Milliarden Flugpassagiere ihre weißen Spuren in die dritte Dimension. Nicht einmal das Blau des Himmels lassen sie mir noch. Nicht einmal mehr im hohen Norden, wo ich wenigstens die Spuren der vielfliegenden Teutonenstämme hinter mir zu lassen glaubte. Seit einigen Jahren bemerke ich jedoch, dass der Flugverkehr von und nach London erheblich zunimmt – Komatanzen und -saufen und -whatever in der britischen Hauptstadt soll angeblich für junge Menschen aus nördlichen und östlichen Regionen Europas der absolute Renner sein! Wenn es einen Gott gäbe, dann müsste er tatsächlich tonnenweise Hirn vom Himmel schmeißen. Denn inzwischen wissen es wirklich auch die Allerletzten: Dass man nicht für ein Wochenende und ein paar Euros in den Flieger steigen darf – schlichtweg, weil wir so das Klima noch schneller ruinieren und damit uns selbst und die Lebensgrundlagen aller, die nach uns auch noch gerne leben würden.

Ich glaube, der Mensch ist einfach nicht für verantwortungsvolles Handeln jenseits seiner eigenen Nasenspitze gemacht. Nachhaltigkeit kann er einfach nicht. Wir alle leben wohl nach einer Art Ethik à la carte. Was wir für uns selbst für unentbehrlich halten, finden wir weit weniger schlimm. Da kann doch der Welt-Klima-Rat schreiben was er will. Unser Motto lautet: „Ich allein ändere sowieso nichts daran. Wir bewegen uns zwar auf den Abgrund zu, kein Zweifel, aber solange es mir dabei gut geht…“

Die Discounter bieten Traumreisen zu Spottpreisen, neben Hochdruckreinigern, Kompressoren und sogar Lebensmitteln; die Bediensteten von Sozialeinrichtungen bestreiten 7000-km-Ralleys in die Sahara, um das Betriebsklima zu optimieren; junge Männer heizen wie die schwarzen Rache-Ritter mit ihren Allrad-Bergrettungs-Geländewagen, Quads genannt, durch die Landschaft; aber wir Teutonen haben offenbar nicht nur Benzin im Blut, sondern auch sonst ziemlich einen an der Waffel: Die Hälfte aller Heranwachsenden tragen nämlich inzwischen Dirndl, die bayerischen Oktoberfeste sprießen wie Pilze aus dem schwäbischen Mutterboden.

Den Vogel abgeschossen hat aber neulich meine heimatliche Tageszeitung: Die bietet mir eine 8-tägige 5-Sterne-Reise in die Türkei an, mit Flug, Transfer, 7 Übernachtungen, Frühstücksbuffet, Rundreise nach Troja, Milet, Ephesus und andere historische Orte. Gesamtpreis: 99 Euro! Ich frage mich ob sie das aus Verzweiflung oder aus Versehen tun. Ich denke mal, dass sich die meisten Menschen tatsächlich über ein solches Angebot freuen und viele werden es wahr nehmen. Wenn ich mich aber frage, wer außer dem Planeten dabei alles ausgebeutet wird, dann verbietet es sich einfach. Aber das Angebot steht exemplarisch dafür, wie wir leben, im Brot-und Spiele-Kapitalismus.

Neulich haben wir wieder einmal gewählt. Und wieder haben wir die Volksvertreter bekommen, die wir verdienen. Kein Politiker, der einen bescheideneren, einen wirklich nachhaltigen Lebensstil propagierte, hätte eine Chance in diesem Land, und anderswo ist es genauso. Wir befassen uns nicht mit den zukunftsweisenden Fragestellungen: der Ökokatastrophe, dem Umgang mit den Rohstoffen, den Hintergründen und Arbeitsbedingungen unserer Massenprodukte, der wachsenden sozialen Kluft, der Flüchtlings- und Migrationsproblematik, mit weltweiten Regeln für die Globalisierung. Wir finden uns ober-cool mit unseren nationalen Blindenbrillen, während das Raumschiff Erde langsam aber sicher in große Not gerät. Der sogenannte moderne Mensch ist ein Realitäts-Verweigerer. Kaum einer, eher keiner, stellt in der Politik die entscheidenden Fragen: Wie wollen wir, wie müssen wir leben, damit wir langfristig überleben? Wir wählen immer die Menschen, die uns Sicherheit und Wohlstand versprechen und die dafür sorgen, dass sich garantiert nichts ändert.

Neulich war der Soziologe Harald Welzer bei Richard David Precht zu Gast.  Es gibt viele kluge Menschen in unserem Land, sie werden leider kaum gehört. Falls Ihr reinhören wollt, hier der Link:

http://www.youtube.com/watch?v=38tTQBMqqoo

Und hier noch ein interessanter Link:

http://de.globometer.com/flugzeug-passagiere-welt.php#

Der Blick aus meinem Fenster sieht inzwischen regelmäßig so aus:

blue sky 24.9.13

Um ehrlich zu sein, ich sehne mich sehr nach einem erneuten Ausbruch dieses unaussprechlichen isländischen Vulkans. Mal wieder ein paar Tage soll der Himmel den Vögeln gehören. Das wäre nur zu schön.

Übrigens gibt es auch zum Thema Kondensstreifen einige ziemlich schwachsinnige Verschwörungstheorien. Die Regierungen und Geheimdienste würden Chemikalien beimischen, um dem Bevölkerungsproblem oder der Erderwärmung zu begegnen. Wer die Realität zu langweilig findet, oder zu bequem ist, sich mit den Fakten zu beschäftigen, der erfindet eine Verschwörungstheorie. Dass die Streifen mit ihrem Wasserdampf immer mehr künstliche Wolken bilden und uns den Himmel versauen und der Dreck der Treibstoffverbrennung permanent auf uns niederrieselt scheint die Menschen bisher nicht zu beunruhigen. Lediglich der Fluglärm und die damit verbundenen Erkrankungen sind hin und wieder ein Medienthema.

Das Konsumtempo – und das Fliegen ist Konsum auf höchstem Stratosphären-Niveau – beschleunigt sich immer mehr. Dieses Globometer zeigt das sehr schön und ich gebe zu, dass ich die rasenden Zahlen nicht lange aushalte. Wenn man unter Konsum/Rohstoffe nachschaut kann es einem regelrecht schwindelig werden.

Interessant in diesem Zusammenhang könnte auch noch folgender Film sein:

http://www.youtube.com/watch?v=3-P88paN9I8


wir leben in wohlstand und sicherheit doch ist dieser zustand alles andere als gesichert angesichts einer schwindelerregenden anzahl von erdenbewohnern aktueller stand siebendtausendeinhundertfünfzehn mal eine million tendenz steigend homo sapiens dieser angeblich wissende menschen-affe setzt in seinem endlichen sytem erde auf unendliches wachstum als hätten wir zwei oder sieben oder x erden wie dumm ist das denn herr und frau sapiens kennst du den film the age of stupid sehenswert und nur ein wenig übertrieben wenn überhaupt aber letztlich ist der mensch vielleicht gar nicht dumm nur ein wenig sehr überfordert auch die menschenwürde ist eine schöne globale illusion weil die realität zeigt dass es menschen erster zweiter und dritter klasse gibt der siebzehnte oktober ist internationaler tag für die beseitigung der armut ach wie niedlich angesichts der komplexität und des tempos der ganzen weltsituation und all der realen und existenziellen bedrohlichkeiten ist es nur zu verständlich dass die menschen dem entfliehen auf entlegene paradiese und hinein ins überschaubare private oder ins spirituelle das ihnen seelenfrieden verspricht so ist halt der mensch und so bin auch ich deshalb liebe ich deshalb schreibe ich songs diese gebilde voller harmonie


Nachdem das Haus in Jungingen, wo sich seit 2006 mein Studio befand, inzwischen abgerissen wurde – es entstehen gerade zusätzliche Parkplätze auf dem Areal der Fabrik – werde ich die Lieder meines achten Albums in meiner Wohnung aufnehmen – mit  Blick auf die Märchenburg. Auch nicht schlecht. Ich werde mir aber Zeit lassen dafür. Langsamkeit ist mir inzwischen die liebste Geisteshaltung.

Hey, das Leben ist so wundervoll… so wie unser ganzer kleiner blauer Urknall-Splitter im weiten Weltenall… und natürlich die Menschen – es gibt so viel Gutes so viel Schönes… aber dass wir dabei sind, alles aufs Spiel zu setzen, macht mich gelegentlich etwas ratlos.

Die Liebe ist der größte Trost. Aber dann kommt gleich die Musik. Listen, if you like…

http://www.youtube.com/watch?v=VeTUcLaC-xE

http://www.youtube.com/watch?v=-y6pCY28vt8

http://www.youtube.com/watch?v=k1KxthvX1Ms


Paulson


This entry was posted on Montag, Oktober 7th, 2013 at 18:55 and is filed under 2013. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.