Schon wieder ein Jahr um!

Na dann Prost, Ihr Lieben, am besten mit einem leckeren Single Malt (es darf aber auch durchaus ein Gläschen Sekt sein).
Schon wieder werden die Tage länger. Aber ganz langsam, jetzt ist erst mal noch Winter! Es ist wunderbar kalt und ich kann nach Belieben durch die Landschaft tigern, von der Haustür direkt ins Paradies, querfeldein und durch die Wälder. Heute war mal ganz besonders: Vereiste Wege, sogar im tiefen Walde. War lustig, und ziemlich sportlich!
Habe mich während meiner Studienzeit intensiv mit Henry David Thoreau beschäftigt. Ich denke mal, dass ich die Waldmensch-Gene auch noch recht heftig in mir trage. Und meine Walden-Natur lässt mir die Vorstellung, einmal ein ganzes Jahr in einer Hütte im Wald zu verbringen, als ziemlich  attraktiv erscheinen. Das würde Euch nicht gefallen, oder? Ist das schon ein bedenklicher Zustand bei mir? Nun, denkbar wäre auch eine Insel, eine Hütte in den Bergen. Hauptsache weg von Lärm und Trubel. Natürlich bin ich nicht nur Eremit. Ich mag die Menschen und manchmal sogar Trubel, wobei ich da meinen Bedarf in der Schule schon recht gut abdecken kann.
Manchmal führt mich mein Weg nach Balingen Streichen, von Thanheim über den Hunsrücken. In dem idyllischen Dörflein gibt es einen wunderschönen Ort: Le Cottage (www.lecottage.de), eine lauschige,  von Susanne und Gerhard im November 2008 neu eröffnete Cafestube. Dort könnt Ihr Kaffee trinken, lecker essen, gemütlich sitzen. Wirklich besuchenswert! Wellness pur.
Habe neulich bei Lidl einen Prospekt mitgenommen. Unter dem Motto: Das Leben ist zu kurz für die falschen Geschenke kann man sich dort jetzt den ultimativen Adrenalinstoß holen, den wir schon immer vermisst haben. Vom candle-light dinner über houserunning (?!), personal fitness training und floating bis hin zum Gleitschirm-Schnupperkurs. Irre oder? Sagt: Ist das Leben so langweilig, dass sich nun schon Lebensmittel-Discounter um unser Seelenwohl kümmern müssen?
Lidle hin, Aldi her, ein jeder sucht eben das Glück auf seine Weise. Das ist ja auch gut so, wir sind ja alle mündige Menschen, und das Leben ist so kurz… Und für die Volkswirtschaft ist das auch gut, wenn wir wie ein Vogel durch die Lüfte gleiten beim Segelfliegen oder uns gegen Bares in Floating-Tanks einsperren lassen um zu entspannen. Wie steht es da auch noch im Lidl-Prospekt: Wagen Sie den Schritt über die Dachkante und stehlen Sie Spiderman die Show. Wenn nur die Weltraumflüge nicht so teuer wären… Für Manche sind 20 Millionen aber tatsächlich ein Klacks.
Früher kamen die Briefträger noch zu Fuß und hatten Zeit für ein Schwätzchen. Heute stopfen sie bei laufendem Motor  hastig Tonnen von Altpapier in die Briefkästen…. Bald werden sie wahrscheinlich mit einer Art Flugzeug die Postsäcke nur noch abwerfen… Manchmal ist weniger mehr. Das Immeröherschnellerweiter wird uns nicht zu den Sternen bringen. Das Glück liegt ganz allein in uns, und dabei ist es ganz egal was wir machen, solange das Leben für den Menschen einen Sinn macht, sagt Wilhelm Schmid.
Doch es ist gar nicht so einfach mit der Sinnsuche. Unser Gehirn befindet sich unter Dauerbeschuss. Nicht nur was die Anforderungen des Arbeitsplatzes und das ungesunde Tempo unseres Alltags in der auf dauerndes Wachstum angelegten Leistungsgesellschaft anbelangt. Wir leben nicht nur in einer Leistungsdiktatur, in einer Fitness-, Schönheits-, Jugend- und Gutelaune-Diktatur, sondern müssen uns auch noch durch die Allgegenwart der Dikatatur der Werbung schlagen. Zu negativ gesehen? Zu schwarz gedacht? Nun, das fällt vielleicht nicht sofort auf, denn das Marketinggewitter kommt  ja fast immer schön bunt und gut gelaunt über uns. Wenn man aber beispielsweise weiß, dass manche Firmen für die Lohnkosten nur ein Prozent des Produktpreises ausgeben, für Marketing aber das bis zum dreißigfachen oder mehr, dann kann man sich den Generalangriff auf unsere Gehirne und Herzen schon eher als bedenklich vorstellen. Und die Gehirnattacken der Werbecracks tragen Früchte: Wann fing das an mit den bauchfreien Shirts und den Turnschuhen im Winter, mit den Arschgeweihen, den Selbstverstümmelungen des Hautdurchstechens, den Geländewagen? Man könnte die Reihe beliebig fortsetzen. Natürlich ist so manche Neuerung und Innovation auch toll. Natürlich. Bin nicht technikfeindlich, und nein, ich möchte wahrlich nicht zurück in die Steinzeit, trotz der Hütte im Wald. Wahrscheinlich will ich dort eh nur gerne sein, weil ich das Tempo dieser Welt nicht mehr so ohne weiteres mitgehen kann.
Heute meinte der Münte im TV-Interview, dass seine SPD gerne das Kindergeld erhöhen möchte, denn die Familien seien die konsumintensivsten Teile der Gesellschaft. Das ist aber nett, Herr Müntefering, aber es wäre noch viel netter, wenn wir mehr bekämen, weil wir es wirklich brauchen könnten, und Sie das sogar wissen! Die Welt nach der Finanzkrise ist nicht weniger kapitalistisch sondern eindeutig mehr! Ich werde aber nicht anfangen hier über die Banker zu schimpfen, oder die Politiker. Wir leben ja schließlich in einer Demokratie, und wir bekommen das, was wir wollen, denk ich mal. Brot und Spiele.All you can eat. Nix wie weg! Als Politiker würd ich mir wahrscheinlich ein anderes Volk wählen. Die haben genau wie Leherer die Rolle des Sündenbocks zu spielen bei uns im Land. Noch abschließend dazu, dass keine Missverständnisse entstehen.: Auch ich konsumiere gerne. Rotwein, Scotch Whisky, Vierschanzentournee im Fernsehen, Pizza bei Maria, Theater Lindenhof, Bücher, CDs, und vieles andere. Ich hab sogar einen MP3-Player und ein Auto. Ich möchte mich über niemanden erheben. Dass kann ich auch gar nicht, denn ich bin seit 25 Jahren nicht mehr geflogen, radel lieber auf meine Insel. Es gilt: Jeder soll auf seine Art glücklich sein.
Zum Thema Glück gibt es ein neues, wunderhübsches kleines Büchlein von Wilhelm Schmid: Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. Der Autor schreibt, dass die Glücksindustrie uns im Grunde unglücklich macht, weil sie uns ein Dauerglück einreden will. Tatsächlich sei es aber ganz normal, dass Höhen und Tiefen sich im Leben abwechseln wie Tag und Nacht, wie Ein- und Ausatmen, und dass dies der Takt des Lebens ist, das aus der Polarität in allen Dingen seine Spannung bezieht. Es stehen noch viele wirklich interessante Dinge drin, eine besonders schöne Passage möchte ich Euch nicht vorenthalten: Unter der Überschrift Das Glück des Unglücklichseins beschreibt Schmid den Melancholiker:

Melancholie ist die Seinsweise einer Seele, die immerzu schmerzt und sich ängstigt, ohne dass dies in irgendeiner Weise als pathologisch gelten könnte. Sie wird begleitet und möglicherweise auch angeleitet von einem höchst reflektierten Bewusstsein, das um die Ungewissheit all dessen weiß, was den Eindruck von Gewissheit macht, und die Fragwürdigkeit aller Dinge kennt, deren mögliche Grundlosigkeit von Grund auf gar nicht bestritten werden kann. Melancholie bewahrt in sich eine Ahnung davon, wie brüchig alles ist, was Menschen schaffen, wie nichtig die menschliche Existenz selbst sein und dass ihr der Boden jederzeit unter den Füßen weggezogen werden kann. Ur-Trauer empfindet das melancholische Selbst über die Entfremdung des Menschen von einem zeitlosen Ursprung, über die unaufhebbare Kluft zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, über das unmögliche, allenfalls zeitweilige Einssein mit Anderen in der Welt. Es ist sich der Zweifelhaftigkeit der Zeit, der Sinnlosigkeit allen Tuns, der eigentlichen Bedeutungslosigkeit menschlicher Existenz bewusst. Zu seinem Glück (…) gehört das Bewusstsein der Abgründigkeit, ansonsten sieht es sich in der Gefahr bloßer Oberflächlichkeit.Gerade dieses tragische Bewusstsein entspricht dem Leben womöglich mehr als jede törichte Leugnung von Tragik  (…) …nicht jede Melancholie ist eine Depression, beide sind klar voneinander zu unterscheiden. Während eine Depression gekennzeichnet ist von erstarrten Gefühlen und erstarrten Gedanken, vom Unwillen und von wirklicher Unfährigkeit zur Reflexion, ist die gefühlsbewegte und reflektierte Melancholie demgegenüber von großer Sensibilität geprägt, von nicht mehr endender Besinnung und Selbstbesinnung. Der melancholische Mensch ist imstande, reflexive Distanz zu allem zu halten, und all die Selbstverständlichkeiten zu verlieren, in denen Menschen gewöhnlich leben, ohne es recht zu bemerken (…) Es gibt an dieser „Krankheit“ nichts zu heilen, eher ist diese Dimension des Menschseins zu pflegen. Die Melancholie kann geradezu als eine Lebensphilosophie verstanden werden, die das Traurigsein nicht ausschließt, sondern hervorhebt, und es müsste möglich sein, gerade dies zur Grundlage eines schönen und bejahenswerten Lebens zu machen (…) Um ein Übermaß des Traurigseins etwas zu mäßigen, kann ein Mensch danach trachten, sich und seiner Seele im alltäglichen gelebten Leben, wo immer es nur möglich ist, gut zu tun. Bei regelmäßigen Spaziergängen kann er seinen melancholischen Gedanken nachhängen. Beim Hören von Musik können melancholische Gefühle zelebriert werden. Verschiedene Künste stehen dem melancholischen Empfinden zu Gebote…

Na, wenn mir das mal nicht bekannt vorkommt! Ja, ich geb´s zu: Für mich ist die Melancholie tatsächlich das Vergnügen traurig zu sein. Und offensichtlich mache ich aus dieser Veranlagung meine bescheidene Kunst. Die langsamen Songs berühren mich übrigens selbst am meisten…wer hätte das gedacht!
Diese meine Kunst: selbstverliebt, selbstmitleidig, egozentrisch…natürlich…so wie sie auch das genaue Gegenteil davon ist. Je nachdem. Schließlich baut das Gehirn des Betrachters das Bild. Es gibt keine wahre Erkenntnis, so viele Welten wie Menschen, und in jedem von uns wieder Welten über Welten. Wie sollte das auch gehen, ein kollektives Hirn?
In den letzten Wochen hab ich zwei für mich sehr wichtige Songs fertiggeschrieben. Über meine schwäbischen Himmel, über den Weg zur Insel. Habe sie jetzt in den Ferien aufgenommen und bin echt gespannt wie sie letztlich klingen werden. In den nächsten Monaten werde ich nach und nach wieder einige richtige Musiker in mein kleines Studio in der Junginger Fabrik holen. Und dann wird sie so langsam Gestalt annehmen, die noch geheime Nächste…
Übrigens: Manche glauben, dass man mit dieser Musik Geld verdienen kann. Tatsächlich aber bezahle ich im Endeffekt drauf, spiele die Ausgaben für CD-Produktionen und andere Unkosten nicht rein. Weil ich zu produktiv bin, vielleicht, und die Dinger in größerem Abstand herausbringen sollte. Weil ich nur einige wenige Auftritte im Jahr machen kann. Weil ich die Power schlichtweg nicht habe, aber auch, weil ich die Gigs erst gar nicht bekomme, die wirklich gut bezahlt sind. Da ich durch meine private Situation, meine Scheidung und die für mich sehr ungünstige Versorgungssituation, und  durch den Preisverfall unseres Hauses in Jungingen bei langfristig hoher Zinsbindung auch mit recht reduzierten finanziellen Mitteln zurecht kommen muss, stehe ich vor dem Problem, dass ich die Alben nicht so produzieren kann, wie ich mir es eigentlich vorstelle. Lange Rede, kurzer Sinn: Sollte jemand Lust und die Möglichkeit haben, mich finanziell zu unterstützen… Ich weiß, es gibt wahrlich wichtigere wohltätige Zwecke. Anyway!
Und noch ne Bitte: Ich bin zwar mit meiner Wohnung hier in Wessingen sehr zufrieden. Dennoch würde ich gerne in einer richtig schönen Aussichtslage wohnen. Blick auf die Alb, den Schwarzwald, die Alpen…Hauptsache die Seele kann atmen. Sollte jemand um so eine (Miet)Wohnung (2-3 Zimmer)wissen, so meldet Euch bitte bei mir. Prämie: Ein Essen auf meinem Balkon mit Superaussicht! Natürlich dürft Ihr mir auch einfach so ein gutes neues Jahr wünschen oder mir einfach ein paar nette Zeilen schreiben. Ganz ohne Wohnung!
Hab ich Euch schon Amos Lee empfohlen? Steh ich gerade komplett drauf. Seine Songs gehen mir direkt unter die Haut.

So, meine Lieben. Für dies neue Jahr wünsche ich Euch natürlich nur das Allerbeste! Mögen Eure Wünsche in Erfüllung gehen. Und wenn nicht alles so klappt, wie Ihr Euch das  so vorstellt: Nicht verzagen, erst mal Wilhelm Schmids Büchlein lesen!

Also, da hab ich Euch ja wieder einen ganz schönen Text zugemutet! Heute, zwei Tage danach, komme ich eben von einem langen Spaziergang in den Abend zurück. Nachdem ich in den letzten Monaten erstmals in meinem Leben meine Knie zu spüren bekommen habe – middle age problems with old age sensation (chuckle!) – lassen sie mich in diesen freien Tagen netterweise in Frieden. Schmerzfrei sein – wahrlich auch ein schönes Wellness-Programm…

Lasst Liebe sein!

Paulson (02/01/2009)

This entry was posted on Freitag, Januar 2nd, 2009 at 23:40 and is filed under 2009. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.