Traufgang


traufwald

Vor einigen Tagen war ich wieder mal oben, auf den Wegen zwischen den grauen Riesen am Albtrauf. Wahrlich märchenhaft, der herbstliche Buchenwald dort oberhalb der Wand .

Und so beschreibt das der Autor Gunnar Decker: „Der Wald ist ein mystischer Raum, in dem man sowohl verloren gehen als auch zu sich kommen kann.“

Und dort im tiefen Wald kommen einem mitunter sehr tiefsinnige Fragen und Gedanken…

wie wurde ich zu dem was ich heute bin
warum habe ich diesen partner

oder warum habe ich keinen
warum habe ich diesen beruf
warum trage ich diese kleidung
warum mag ich die dinge die ich mag
und all das andere weniger oder nicht
gibt es ein geheimes programm in mir
oder werde ich von außen gelenkt
welche rollen spielten dabei
die millionen von vorfahren
diese unendliche kette von leben
deren vorletztes glied ich bin
und in diesem dasein
der übergang vom unbekannten
in den schoß der mutter
die geborgene zeit dort
und nach dem inslebengeworfensein
die eltern und geschwister
die gleichaltrigen und die freunde
die märchen und mythen der frühen zeit
die bilder und geschichten der medien
die vernunft die änste die sehnsucht
das unbedingte geliebtwerdenwollen
ja wie eigentlich kam ich zustande
wie wurde ich zu dem was ich heute bin

All diese Einflüsse und Mitspieler, sie überlagern und verschränken und vermischen sich und heraus kommt das Wesen, zu welchem ich dann ICH sage. Mir kam dann auch der Gedanke, ob es wohl möglich sei, dass man sein ganzes Leben auf Mythen aufbaut, auf dem Bild von einem starken Helden und Gefangener wird, in Ketten gelegt von einem Wunschbild der frühen Jahre? Dieses Bild kann auch ein Denken, eine Ideologie sein, ein wie auch immer geartetes starkes Geprägtwerden.

Und es drängt sich einem augenblicklich die Frage auf: Und wer wäre ich dann ohne meine(n) Helden? Wer bin ich überhaupt? Schau mal in den Spiegel, und stell dir diese Frage, Mensch!

Aber wo anfangen? Wie soll ich die diffusen Seelenlandschaften bereisen? Und womöglich in dunklen Abgründen verloren gehen? Nein, lieber nicht! Sollen sich andere da hinein wagen, ich bleibe wo ich bin und genieße das Leben. So mögen manche denken…

Dort im Wald gelange ich Schritt für Schritt näher zu mir selbst. Im Wandern wird mir auch der eigene Wandel bewusst, der allmähliche Umbau der eigenen Identität mit der fortschreitenden Lebensdauer. Auch die Defizite treten zutage und man nimmt sich Veränderungen vor, dort auf den stillen Wegen kommt einem dies mitunter sehr einfach vor.

Zum Thema Veränderung noch ein Gunnar Decker-Zitat:

„Wandlung bedeutet nicht, es Schritt für Schritt besser zu wissen, oder gar besser zu werden. Sie bedeutet vielleicht nicht einmal, anders zu werden, sondern im Gegenteil: sich als das zu verstehen, was man immer schon war, nicht ein anderer, sondern – endlich – man selbst zu sein.“

Gerade nicht das Optimierungsdikat unserer Zeit mitmachen, sondern annehmen und verstehen wer man ist.

Ein Leben ohne Fremdbestimmung gibt es nicht, wir sind weder Götter noch Reagenzglaswesen, vielmehr stehen wir unter ständigem Einfluss der uns umgebenden Vorgänge. Prägung ist also unvermeidlich. Aber man überlege sich nur einmal, wie leicht wir gelegentlich Meinungen von Medien oder von Freunden übernehmen, ohne vor Inbetriebnahme des Mund- oder Gehwerks unser Gehirn einzuschalten. Ich denke aber, dass es möglich ist, einen hohen Grad an Freiheit und Wahrhaftigkeit – letzteres ein großes, aber ein wichtiges Wort  – zu erreichen. Und die beiden braucht es unbedingt, um sich selbst näher zu kommen.

Dem wahren Selbst ein Stück näher kommen, das kann man im Wald wirklich gut, aber auch an anderen Orten: beim Sport, am Meer, auf Inseln, echten und virtuellen. Jeder hat seine eigenen Seelenorte, wo sich das Selbst öffnen mag; in der lauten technisierten Welt, bei der medialen Dauerberieselung, beim Dauerarbeiten, beim Dauerfitundschönseinmüssen, beim ununterbrochenen Starksein, Erfolg- und Rechthabenmüssen, beim zwanghaften Geliebtwerdenwollen unserer ach so positiven Zeit mag es das wohl eher nicht.

doch wer sich selbst
zuvor nie begegnete
der trifft zunächst
auf einen fremden
diesen kennenzulernen
ihn zum freund zu machen
gehört mit zum schönsten
was dieses kleine leben
für uns bereit hält

Ich empfinde es als großes Glück, mich von einem guten Teil der Erwartungen anderer befreit zu haben. Dazu musste ich gelegentlich ausführlich allein sein. Ja, dieser Weg zum Selbst ist auch immer wieder ein einsamer; aber nur im Alleinsein kann der Mensch ganz bei sich sein.

Natürlich ist auch die Musik ein guter Eingang zum Selbst, mitunter auch ein wahres Seelenscheunentor. Vielleicht schafft es ja dieser Song bei Euch da mitten hindurch:

http://www.youtube.com/watch?v=pFbjE7NFmUI

paulson

By the way:  Es könnte durchaus sein, dass der eine oder andere dieser Texte überhaupt nicht zum Songtext der  von mir empfohlenen Musik passt. Das liegt dann daran, dass ich meist überhaupt nicht auf die Lyrics achte. In der Regel lasse ich mich nur von der Musik mitnehmen und es kann vorkommen, dass mich sogar Weihnachts- oder Kirchenlieder zutiefst berühren.

This entry was posted on Sonntag, November 17th, 2013 at 23:06 and is filed under 2013. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.