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burg 25

die burg und die menschen
hatten etwas gemeinsam

beide waren sie vergänglich
und selbst der uralte berg
auf dem die Feste stand
bröselte so vor sich hin

alles war eine frage der zeit
und in ihr lebten liebten
und sangen sie
so schön sie konnten

 

pics & words: © paulson / music: youtube artists

 

 

burg 24

burgen und andere mythen

die rationalisierung der arbeit
führte ganz automatisch
zur romantisierung des privaten

 

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burg 23

die türme ragten in den himmel
wie die erektionen jener
die gerne noch viel länger
an der macht geblieben wären

doch die welt drehte sich weiter
und die stolze feste
wurde vollends zum museum

 

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burg 22

ganz nüchtern konnten die bauherren nicht gewesen sein
als sie den mittelalterlichen prachtbau in auftrag gaben

später durften sich alle ein wenig an ihr berauschen

 

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burg 21

von unten schien sie
dem himmel zuzustreben
wenn er sie aber betrat
befiel ihn ein gefühl von enge

 

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burg 20

aus dem stein der erde gehauen
hoch in den himmel gemauert
mit legenden geschmückt
stand sie prächtig in wetter und wind

 

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burg 19

der burgberg war ein mystischer ort
ein brutgebiet für sehnsuchtsvögel
die von weit her geflogen kamen
sich mit dem erhabenen zu paaren

 

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burg 18

die burg hatte viele freunde

sie kamen wegen des bauwerks
oder bestaunten die aussicht

andere studierten die geschichte
beschauten gold und geschmeide

manche standen und spürten
was dort mit ihnen geschah

 

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burg 17

eine göttliche stille lag über dem land
der himmel gehörte seit langem
mal wieder den vögeln
ab und zu rollte ein auto
über die verlassene dorfstraße
und drüben auf der vierspurigen
brummte ein klopapierlastkraftwagen
den geplünderten regalen entgegen

er genoss die dornröschenschlafstille
es war ihm feierlich zumute
wie früher an heiligabend
endlich hatten die menschen
wieder einmal zeit füreinander
und für jenes das sie tun wollten
aber immerzu verschieben mussten
weil sie dafür keine muße fanden
die allermeisten von ihnen
waren in der plötzlichen ruhe
aber einfach nur erschlagen
fuhren runter und warteten ab

doch der frieden war trügerisch
die lage war ernst
das virus hatte binnen tagen
fast das gesamte land lahmgelegt
zwangsentschleunigung
und hausquarantäne für jene
die nicht in systemkritischen
bereichen gebraucht wurden
die meisten kooperierten
und nur noch wenige glaubten
es könnte alles so bleiben wie immer
vieles von dem was freude bereitete
war nun entweder verboten
oder fand nicht mehr statt
die medien berichteten pausenlos
und selbst die nachrichtenprofis
sprachen mit besorgten gesichtern

im netz nervten die üblichen schaumschläger
mit ihren abstrusen lügengeschichten
und die zynischen apokalyptiker aller länder
befanden sich im dauerglückstaumel
während sich andere bis zum umfallen
für die gemeinschaft aufopferten
aus sporthallen wurden notkliniken
textilfirmen produzierten schutzkleidung
die menschen hielten zusammen
wie sonst nur in kriegszeiten

solidarität und menschlichkeit
waren nun die zauberformeln
gegen den unsichtbaren feind

während sich die einzelnen mitglieder
der europäischen nationalstaaten-union
in abschottung übten und alles bunkerten
was in der krise von nutzen sein konnte

klimawandel tier- und naturzerstörung
flüchtlingskrisen und fremdenwahn
sie waren jetzt keine themen mehr
überhaupt schien all das
was vorher wichtig war
vollkommen bedeutungslos
das virus angst hatte nun alle befallen
ganz europa befand sich im stillstand
und bald würde es die ganze welt sein

auch die burg hatte ihre tore geschlossen
heiligabend war der einzige tag im jahr
an dem sie zu hatte
normalerweise
und nun das
fünf wochen
vorerst

mit großen augen stand er am fenster
und langsam wurde es abend
dann verschwand sie in der nacht

aber am nächsten morgen
würde sie
wieder da sein
schön wie immer

auf ihrem berg
dem mons solaris
für ihn und alle

 

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burg 16

während die schwächsten
ums nackte überleben kämpften
feierten die asozialen unsterblichen
leckt-mich-am-arsch-corona-parties

ein wenig war es wie im absolutismus

 

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burg 15

es war gut dass sie da war
so schön so sicher so stark
als die sterblichen sich sorgten

 

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burg 14

die phantasie schaffte fast alles

einen wunsch machte sie zur sehnsucht
und diese brachte sie zum erleben

und das vor sich hin bröselnde gemäuer
verwandelte sie ohne weiteres
in ein sinnbild für ewigkeit

 

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burg 13

wer in ihrer nähe
groß geworden war

konnte gar nicht anders
als ihr ein leben lang
treu zu bleiben

 

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burg 12

so manche illusion
war aus der sehnsucht
nach größe geboren

so gesehen erschien die burg
ausgesprochen menschlich

 

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burg 11

was gab es schöneres
im rechnenden Nützlichkeitsdenken
als ein vollkommen nutzloses märchenschloss

 

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burg 10

dieses monument verkörperte
das gute wahre und schöne
und ihr genaues gegenteil

es war deutscher als deutsch

 

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burg 9

das atemberaubende bühnenbild
im großen freilufttheater
zog immer mehr zuschauer an

es war einer jener tage
die man nicht mehr vergisst

ein chinese sagte amazing
ein schwabe meinte incredible

und die protagonistin
schwieg märchenschön
aus dem wattewolkenmeer

 

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burg 8

auch wenn manche sie belächelten

der spektakuläre nachbau
löste ein ungeheures sehnen
in den herzen der sterblichen aus

 

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burg 7

die romantische verklärung
einer längst vergangenen Epoche
im bild der mittelalterlichen burg
war nicht zuletzt ein statement
gegen die entzauberung der welt
in der anbrechenden maschinenzeit

 

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burg 6

schon so manchen hatte die sehnsucht
auf den berg getrieben

und so mancher war ernüchtert
wenn er oben ankam

 

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burg 5

nichts war flüchtiger als der tag
sterblicher nichts als der mensch

drum bauten sie burgen auf berge
damit sie die zeit überdauern

 

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burg 4

was geschieht dir oh seele
wenn es warm wird ums herz
beim blick auf den berg

 

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burg 3

sie schauten hinüber
und standen und staunten
und schwärmten und schwiegen
wie sie da so schwebte
als traum überm land

 

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burg 2

jeder neue himmel
zauberte eine neue burg auf den berg

 

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burg 1

das universum war gleichgültig
aber der mensch schuf bedeutungen

manche waren ansehnlicher als andere

 

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rückzugsort

rückzugsort
schönes wort
war er fort
war er dort

 

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maschine

die leute lebten immer länger
hatten aber immer weniger zeit

sie wussten sogar was sie beschleunigte
aber abstellen konnten sie es nicht

es war eine ziemlich große maschine

 

 

leidenschaften

sie glaubten dass sie etwas begehrten
weil sie es für gut hielten
in wirklichkeit fanden sie etwas gut
weil sie es begehrten

allen ernstes hielten sie ihre leidenschaften
für die produkte ihres verstandes

so geschah ständig etwas mit ihnen
das sie nicht bestimmten

 

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alleskönner

bei aller liebe
hielt er auch den kultivierten menschen
für dermaßen verkommen
dass er ihm alles zutraute

 

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im stillen

es war denkbar
dass jene
die nicht sangen
im stillen erklangen

 

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ikonen

ikonen
sie wohnen in den seelen der leute
heute und im grunde schon immer
ein wenig glimmer ein wenig träumen
das öde grau mit sternchen säumen
im glanz der madonnen sich sonnen
den schönen söhnen frönen
mit legenden sich blenden
sich mit heldengeschichten belichten
vor rührung weinen im scheinen

 

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